Wenn die Welt Kopf steht

Wenn die Welt Kopf steht

Nach fünf Monaten Abstinenz habe ich mich entschieden, wieder regelmässig zu schreiben. Denn bei mir hat sich viel ereignet in den letzten Monaten. Dinge, die mich sehr stark herausfordern. Aber da ich nun doch einige Leser habe (und das freut mich sehr), möchte ich wieder meine Gedanken und meine Gefühle mit euch teilen und hoffe damit, auf diese Art und Weise Unterstützung geben zu können.

Mein heutiges Thema: Verabschiedung der Eltern

Schwierigkeiten mit den Eltern sind nach wie vor ein Tabuthema in unserer Welt. Wir sprechen nicht gerne über Probleme, mal grundsätzlich. Aber schon gar nicht über die Probleme, die wir mit unseren Eltern haben.

Viele von uns haben ein schwieriges Verhältnis zu ihren Eltern. Und es belastet uns, bis dass die Eltern sterben. Und dann sind wir oftmals auch alt. Anstatt dass man es zusammen schön haben könnte, wird die Beziehung getrübt. Weil Eltern ihre Kinder nicht in Liebe loslassen können. Alles ist immer mit Erwartungen verbunden. In irgendeiner Form.

Dieser Beitrag ist darum an alle da draussen, die diese Gefühle kennen.

Viele von uns fühlen sich von ihren Eltern nicht ernst genommen oder können deren Erwartungen nicht gerecht werden oder fühlen sich nicht akzeptiert, so wie sie sind.

Auch für mich ist dieses Thema schwierig und von sehr viel Frust, Ärger und Unzufriedenheit geprägt. Sowohl von meiner Seite als wahrscheinlich auch von Seiten der Eltern. Eine liebevolle Beziehung scheint oftmals nicht (mehr) möglich. Das Paradoxe daran ist, dass wir Kinder oftmals von starken Schuldgefühlen geplagt werden. Und wir eigentlich nicht wissen, warum. So geht es zumindest mir. Egal, was ich in den letzten Jahren getan habe, es war nie genug. Die Erwartungen und die oftmals unterschwelligen Vorwürfe haben mich in der Beziehung zu meinen Eltern verzweifeln lassen.

Und so stellte sich bei mir irgendwann die Frage: Was tun? Irgendwie versuchen, die Beziehung aufrecht zu erhalten im Wissen, dass sie alt sind auch wenn die Beziehung gestört ist? Oder die Beziehung verabschieden und den Kontakt abbrechen im Wissen, dass man dann als Kind irgendwie als «grausam» wahrgenommen wird und dies nicht regelkonform ist?

Nun, ich habe mich für die zweite Form entschieden und meinen Eltern meinen Entscheid per E-Mail mitgeteilt. Sie werden es wahrscheinlich nicht verstehen. Aber wenn Sie mich irgendwann verstanden hätten, dann hätte unser Kontakt auch nicht so geendet. Und – sie haben immer noch die Möglichkeit, auf die Email zu reagieren.

Ich habe jahrelang versucht, echten Kontakt mit meinen Eltern herzustellen. Auf diesem Weg habe ich sicherlich auch Fehler gemacht, aber er war zumindest immer ehrlich. Ich habe irgendwann einsehen müssen, dass Kommunikation ein Gegenüber braucht, das willig ist zuzuhören, zu verstehen und auch zu verzeihen.

Egal, für welchen Weg man sich entscheidet, es ist ein schwieriger Weg. Und so schreibe ich diese Zeilen auch mit grosser Trauer. Es ist ein Weg, den ich mir schon seit Monaten überlegt habe, zu gehen. Es dann schlussendlich zu tun, erfüllt mich im Moment nicht mit Erleichterung, dafür ist die gemeinsame Geschichte, die wir miteinander haben, zu gross, zu intensiv. Es fühlt sich an, als würde die Welt im Moment auf dem Kopf stehen.